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Komorbidität



Wir verweisen auf das Kapitel 4 "Komorbidität" der S2 Leitlinie der AGA: Leitlinien für Diagnostik, Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter
 

Im Folgenden eine Übersicht von Herrn Prof. Dr. med. Thomas Reinehr, Vestische Kinder- und Jugendklinik, Universität Witten/Herdecke:

Folgeerkrankungen der Adipositas im Kindes- und Jugendalter

Die Adipositas ist bereits im Kindes- und Jugendalter mit einer Vielzahl von Folgeerkrankungen verknüpft (siehe Abbildung 1). Dabei kann man zwischen medizinischen und psychiatrisch/ psychologischen Folgeerkrankungen unterscheiden. Diese Folgeerkrankungen bestimmen die hohen Gesundheitskosten der Adipositas und führen zu einer erhöhten Mortalität (= Sterblichkeit).

Abbildung 1: Folgeerkrankungen der Adipositas im Kindes- und Jugendalter nach dem WHO Report 2002 [4]


a) medizinische Folgeerkrankungen

Man kann die medizinischen Folgeerkrankungen in zwei Gruppen einteilen. Zum einen Erkrankungen, die bereits im Kindes- und Jugendalter zu Symptomen führen und Erkrankungen, die im Kindes- und Jugendalter meist symptomarm verlaufen, aber vor allem durch Gefäßveränderungen die Sterblichkeit (Mortalität) maßgeblich bestimmen. Zu diesen gehören [4,5]:

  • Fettstoffwechselstörungen (Dyslipidämie)
  • Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)
  • Zuckerstoffwechselstörungen (Glucosetoleranzstörungen, Diabetes mellitus Typ 2)
  • Chronische Entzündung

All diese Erkrankungen führen schon im Kindes- und Jugendalter zu Gefäßwandveränderungen, die anhand der Intima- media Dicke von Arterien (Dicke der Gefäßwand, v.a. an der Gefäßaufzweigung der zum Gehirn führenden Arterie A. carotis communis messbar) nachgewiesen werden können [15]. Auch Autopsiestudien an verstorben Jugendlichen zeigen den Zusammenhang zwischen diesen Erkrankungen und einer Arteriosklerose („Verkalkung“ der Gefäße) [1]. Diese Gefäßveränderungen führen dann im Erwachsenenalter zu Herzinfarkt und Schlaganfall, sowie bei Zuckerstoffwechselstörungen durch Beteiligung der kleinen Gefäße auch zu Nerven-, Nieren- und Augenschäden. Insbesondere bei der Kombination mehrerer Folgeerkrankungen (metabolisches Syndrom) steigt das Mortalitätsrisiko deutlich an.

Das Risiko für diese Folgeerkrankungen der Adipositas wird kaum vom Alter und Geschlecht beeinflusst, sondern neben dem Ausmaß des Übergewichts vor allem von einer genetischen (=erblichen) Disposition zu einer Insulinresistenz, die die Grundlage vieler Folgeerkrankungen (Dyslipidämie, arterielle Hypertonie, Zuckerstoffwechselstörungen) darstellt [4,5,8,10]. In der Pubertät kommt es physiologisch zu einem Anstieg der Insulinresistenz, so dass hiermit assoziierte Folgeerkrankungen bei pubertären Kindern und Jugendlichen häufiger auftreten.

Zwei Untersuchungen an großen, deutschen Kollektiven (jeweils >1000 überge-wichtige Kinder und Jugendliche) zeigen übereinstimmend folgende Häufigkeiten von Folgeerkrankungen [7,11], die der Häufigkeit in anderen Populationen entsprechen (z.B. Bogalusa Heart Study in USA [6]):

  • Bluthochdruck: etwa 1/3 aller übergewichtigen Kinder und Jugendlicher, kritisch muss hier angemerkt werden, dass in dieser Zahl sich auch Fälle von „Weisskittel“- Hypertonie verbergen, da Daten zur genauesten Methode, der 24- Stunden Blutdruckmessung, in großen Kollektiven nicht vorliegen.
  • Fettstoffwechselstörungen: etwa 1/4 aller übergewichtigen Kinder und Jugendlicher.
  • Hyperurikämie (Gicht): etwa 1/5 aller übergewichtigen Kinder und Jugendlicher [9]
  • Glucosetoleranzstörungen: etwa 1/3 aller übergewichtigen Kinder und Jugendlicher ab Beginn der Pubertät, vorher wesentlich seltener [12,14].
  • Diabetes mellitus Typ 2 („Altersdiabetes“): maximal 1% aller übergewichtigen Kinder und Jugendlicher ab Beginn der Pubertät, vorher absolute Ausnahme [8,12].
  • Nicht alkoholische Fettleberkrankheit (NASH): etwa 7-10% aller übergewichtigen Kinder und Jugendlicher [9], wobei die Diagnose anhand Blutwerten vermutet wird und nicht (da sehr eingreifend) anhand einer Biopsie gesichert wurde. Diese Erkrankung kann in eine Leberzirrhose (d.h. Leberausfall) münden.
  • Polyzystisches Ovarsyndrom: bis zu 1/5 aller adipösen Mädchen ab dem 14. Lebensjahr. Diese Erkrankung führt zu Regelbeschwerden, Sterilität und einem erhöhtem Brust- und Gebärmutterkrebsrisiko [9]. Die betroffenen jugendlichen Mädchen leiden dabei besonders unter dem Hirsuitismus (männlicher Behaarungstyp), der durch die bei dieser Erkrankung erhöhten Androgene (männliche Hormone) hervorgerufen wird.

All diese Erkrankungen traten dabei deutlich häufiger als in einem normalgewichtigen deutschen Kontrollkollektiv auf [7].

Sonstige Erkrankungen, die mit Übergewicht assoziiert sind, ohne dass genaue Incidenzzahlen (=Häufigkeitsangaben) an größeren Kollektiven vorliegen [3,13]:

  • Orthopädische Erkrankungen:
    • Gelenkschäden (Arthrose),
    • Gelenkfehlstellung (X-Beine, Plattfuß)
    • Abgleiten des Femurkopfes (Epiphyseolysis capitis femoris)
  • Hautinfektionen
  • Pseudotumor cerebri: starke Kopfschmerzen bei Hirndruckerhöhung
  • Niere: Proteinurie (erhöhte Eiweißausscheidung)
  • Asthmaähnliche Beschwerden v.a. bei Anstrengung
  • Schlaf- Apnoe- Syndrom: Störungen der Atmungsregulation im Schlaf durch Einengung der oberen Atemwege, die mit Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen einhergeht und zum plötzlichen Tod führen kann, v.a. bei extrem Adipösen zu finden
  • Gallensteine: v.a. bei Gewichtsreduktion
  • frühzeitige Pubertätsentwicklung bei Mädchen (Pubertas praecox)
  • verspätete Pubertätsentwicklung bei Jungen (Pubertas tarda)
  • Gynäkomastie bei Jungen, da Fettgewebe Androgene (männliche Hormone) zu Östrogenen (weibliche Hormone) umformen kann

b) psychiatrische Erkrankungen

Bei psychiatrisch/psychologischen Erkrankungen ist es generell schwierig zwischen Ursachen und Folgen der Adipositas zu differenzieren. In einer deutschen Populationsstudie bei extrem adipösen Jugendlichen fanden sich folgende Häufigkeiten psychiatrischer Erkrankungen [2]:

  • Depression: 43%
  • Angststörung: 40%
  • Somatisierungsstörung: 15%
  • Essstörung: 17%
    • Bulimie: unkontrollierte Essattacken und selbstinduziertes Erbrechen
    • binge eating disorder: unkontrollierte Essattacken ohne selbstinduziertes Erbrechen

All diese Erkrankungen traten dabei deutlich häufiger als in einem normalgewichtigen Kontrollkollektiv auf [2].

Literatur:

  1. Berenson GS, Wattigney WA, Tracy RE: Atherosclerosis of the aorta and coronary arteries and cardiovascular risk factors in persons aged 6 to 30 years and studied at necropsy (The Bogalusa Heart Study). Am J Cardiol 1992; 70: 851-858
  2. Britz B, Siegfried W, Ziegler A, Lamertz C, Herpertz-Dahlmann BM, Remschmidt H, Wittchen HU, Hebebrand J: Rates of psychiatric disorders in a clinical study group of adolescents with extreme obesity via a population based study. Int J Obes 2000; 24: 1707-1714
  3. Csernus K, Lanyi E, Erhardt E, Molnar D. Effect of childhood obesity and obesity-related cardiovascular risk factors on glomerular and tubular protein excretion. Eur J Pediatr. 2005; 164:44-49
  4. Ebbeling CB, Pawlaw DB, Ludwig DS. Childhood obesity: public-health crisis, common sense cure. Lancet 2002; 360: 473-482
  5. Flodmark CE, Lissau I, Moreno LA, Pietrobelli A, Widhalm K. New insights into the field of children and adolescents' obesity: the European perspective. Int J Obes Relat Metab Disord 2004; 28: 1189-1196
  6. Freedman DS, Dietz WH, Sathanur R, Srinivasan R, Berenson G: The relation of overweight to cardiovascular risk factors among children and adolescents: the Bogalusa Heart Study. Pediatrics 199; 103: 1175-1182
  7. Reinehr T, Andler W, Denzer C, Siegfried W, Mayer H, Wabitsch M: Cardiovascular risk factors in overweight European children and adolescents: relation to gender, age and degree of overweight. Nutr Metab Cardiovasc Dis 2005 in press
  8. Reinehr T, Andler W, Kapellen T, Kiess W, Richter-Unruh A, Schönau E, Seewi O, Heinze E, Wabitsch M: Clinical characteristics of type 2 diabetes mellitus in overweight European Caucasian adolescents. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2005; 113: 167-170
  9. Reinehr T, Bürk G, Andler W: Diagnostik der Adipositas im Kindesalter. Pädiatrische Praxis 2002; 60: 463-474
  10. Reinehr T, Stoffel- Wagner B, Roth CL, Andler W: High sensitive C-reactive protein, tumor necrosis factor-alpha and cardiovascular risk factors before and after weight loss in obese children. Metabolism 2005 in press
  11. Reinehr T, Wabitsch M, Andler W, Beyer P, Böttner A, Chen-Stute A, Fromme C, Hampel O, Keller K, Kilian U, Kolbe H, Lob-Corzilius T, Marg W, Mayer H, Mohnike K, Oepen J, Povel C, Richter B, Riedinger N, Schauerte G, Schmahlfeldt G, Siegfried W, Smuda P, Stachow R, van Egmond-Fröhlich A, Weiten J, Wiegand S, Witte S, Zindel V, Holl R: Medical care of obese children and adolescents -APV: a standardised multicentre documentation derived to study initial presentation and cardiovascular risk factors in patients transferred to specialised treatment institutions-. Eur J Ped 2004; 163: 308-312
  12. Wabitsch M, Hauner H, Hertrampf M, Muche R, Hay B, Mayer H, Kratzer W, Debatin KM, Heinze E: Type 2 diabetes mellitus and impaired glucose regulation in Caucasian children and adolescents with obesity living in Germany. Int J Obes Relat Metab Disord 2004; 28: 307-313
  13. Wabitsch M: Overweight and obesity in European children: definition and diagnostic procedures, risk factors and consequences for later health outcome. Eur J Pediatr 2000; 159 (Suppl 1): 8-13
  14. Wiegand S, Maikowski U, Blankenstein O, Biebermann H, Tarnow P, Grüters A. Type 2 diabetes and impaired glucose tolerance in European children and adolescents with obesity – a problem that is no longer restricted to minority groups. European Journal of Endocrinology 2004; 151; 199-206
  15. Wunsch R, de Sousa G, Reinehr T: Intima-media thickness in obesity: relation to hypertension and dyslipidemia. Arch Dis Child 2005 in press

INFORMATIONEN

21.06.2013
Evidenzbasierte Leitlinie (S3)
Endokrinologische Nachsorge nach onkologischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter [mehr]

14.05.2013
Abstracts Service [mehr]

24.02.2012
Stellungnahme zu bariatrisch-chirurgischen Maßnahmen bei Jugendlichen mit extremer Adipositas [mehr]



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